Bernhard Clasen

• BERNHARD CLASEN •

29. September 2007:
50 Jahre nach der Atomkatastrophe von Tscheljabinsk

Interview mit der russischen Umweltschützerin Natalia Mironowa/Tscheljabinsk/Ural.


Am 29. September 1957 ereignete sich in der Nähe von Tscheljabinsk am Ural eine der größten Atomkatastrophen der Menschheitsgeschichte. An diesem Tag war ein riesiger Tank mit hochradioaktiven Abfällen explodiert.

Bernhard Clasen sprach mit der russischen Umweltschützerin Natalia Mironowa aus Tscheljabinsk. In unmittelbarer Nähe von Tscheljabinsk befindet sich heute eines der Zentren der russischen Atomwirtschaft. Hier ließ Stalin die Plutoniumfabrik „Majak“ und die geschlossene Atomstadt Novouralsk erbauen. „Majak“ ist noch heute im laufenden Betrief eine ständige Bedrohung für die Menschen in der Umgebung, und das ebenfalls nicht weit von Tschljabinsk entfernte Novouralsk ist inzwischen Bestimmungsort deutschen Atommülls.

Die Plutoniumfabrik „Majak“, 60 km von Tscheljabinsk entfernt, ist eine Bedrohung für die Menschen am Ural. Aus der Plutoniumfabrik entweicht im normalen Betrieb Plutonium in Luft und Gewässer. Und Anfang Juli 2007 hatte sich in der Plutoniumfabrik ein Unfall mit hoch radioaktivem Material ereignet.




Sie prozessierten gegen die staatliche Atomaufsichtsbehörde Rostechnadzor, weil diese der in Ihrer Heimatstadt Tscheljabinsk ansässigen Plutoniumfabrik „Majak“ eine Betriebserlaubnis erteilt hatte. Warum?

„Rostechnadzor“ hatte im Namen des Staates der Plutoniumfabrik erneut eine Betriebserlaubnis erteilt. Damit garantiert die Aufsichtsbehörde den reibungslosen Betrieb eines Unternehmens, welches ein globales Tschernobyl verursachen könnte. Durch die Betriebsgenehmigung will man uns beruhigen, will uns glauben machen, dass es in der Plutoniumfabrik schon zu keinem Unfall kommen werde. Doch wir Umweltschützer können uns nicht in Sicherheit wiegen: 70% der in der Plutoniumfabrik eingesetzten Technik ist veraltet, es gibt verschiedene menschliche Schwächen, vor denen auch die Mitarbeiter der Fabrik nicht geschützt sind: Alkoholismus, ein oft geringes Verantwortungsgefühl für die Gefahren dieser Technik, das vielfach sorglose Verharmlosen von möglichen GAUs in dieser Fabrik. Wir sehen uns durch die Fabrik in unserem Recht auf eine intakte Umwelt gefährdet. Anfang Juli waren drei „Rostechnadzor“-Mitarbeiter des Büros hier am Ural entlassen worden, nachdem bei einer betrieblichen Störung mit radioaktivem Material Radioaktivität in die Umwelt gelangt war. Natürlich stellen wir Anfragen an die Behörden, wollen mehr wissen über diesen Atomunfall in der Plutoniumfabrik, doch wir stoßen auf eine Mauer des Schweigens.

Und wie verliefen die Gerichtsverhandlungen gegen die Atomaufsichtsbehörde?

Wir haben den Prozess leider verloren. Wir Umweltschützer haben unsere Klage im Juli 2004 eingereicht. Obwohl derartige Klagen laut herrschender Rechtssprechung innerhalb von 10 Tagen behandelt und entschieden werden müssen, wurden wir drei Jahre hingehalten. Wir planen nun, uns direkt an den Europäischen Menschenrechtsgerichtshof in Strassburg zu wenden. Dort liegt bereits eine weitere Klage von uns an. 2004 hatten wir uns an den Menschenrechtsgerichtshof gewandt, um die Einfuhr radioaktiven Mülls nach Russland zu verhindern.

Und wenn in der Plutoniumfabrik von Majak etwas passiert.......

Unsere leidvolle Erfahrung der letzten 50 Jahre sagt uns, dass der gesamte Atomkomplex in meiner Heimat am Ural eine ständige Gefahrenquelle darstellt. Wenn es in einer der Atomfabriken vom Ural zu einem Unfall kommen sollte, wird es wohl einer Million Menschen so ergehen wie Alexander Litwinenko. Trotz der ungeheuerlichen Gefahren des Atomkomplexes ist der Wille des Putin-Regimes, die gefährdeten Menschen zu schützen, nur minimal. Die Machthaber in Russland planen immer gefährlichere Projekte. Das Risiko muss die Bevölkerung tragen, die Rechnung müssen Staaten tragen, die mehr Verantwortungsbewusstsein für die Umwelt zeigen als unser Land.

Vor 50 Jahren kam es zu einer großen Atomkatastrophe in Ihrer Heimat am Ural….

270 Tausend Menschen am Ural waren 1957 einer erhöhten Strahlenbelastung ausgesetzt, nachdem es in unmittelbarer Nähe meiner Heimatstadt zu einer Explosion und anschließender Freisetzung von Radioaktivität gekommen war. In der Folge hatten die Behörden 217 Dörfer umgesiedelt. Die Folgen der Strahlung sind unübersehbar. In immer mehr Familien kommen behinderte Kinder auf die Welt. Die Umweltschützer versuchen zwar, den betroffenen Familien zu helfen, vertreten ihre Interessen auch vor Gericht. Doch im Russland von heute ist diese Hilfe ein sehr schweres Unterfangen. Dem Druck von Umweltschutzgruppen ist es zu verdanken, dass inzwischen 740 Familien in nicht verstrahlte Gebiete umsiedeln konnten. Doch auch bei den Umsiedlungsmaßnahmen müssen wir sehr darauf achten, dass diese Gelder nicht in dunkle Kanäle verschwinden.

Deutschland exportiert Atommüll in die am Ural gelegene Stadt Nowouralsk. Diese Stadt ist nicht weit von Ihrer Heimatstadt entfernt. Wie stehen die Menschen in Novouralsk zum deutschen Atommüll?

Die meisten Menschen lehnen Atommüllimporte ab. Für sie sind Atommüllimporte Korruption internationalen Maßstabes. Man ist resigniert, sieht die Lage als ausweglos an. Für uns Umweltschützer wird das Leben immer gefährlicher. Wir werden in den Medien diskreditiert. Man wirft uns vor, unsere Arbeit mit westlichen Geldern zu finanzieren. Und dies, obwohl die Atomwirtschaft ein Vielfaches von ausländischen Geldern erhält. Und ähnlich wie Menschenrechtler haben auch wir strafrechtliche Konsequenzen zu fürchten. Die Machthabenden schwächen die Umweltgesetzgebung, unabhängigen Umwelt- und Menschenrechtsgruppen wird das Leben immer schwerer gemacht. Für uns am Ural ist das Verhalten der Atomwirtschaft, deutschen Atommüll nach Novouralsk zu liefern, an Zynik nicht mehr zu überbieten. Novouralsk ist eine geschlossene Stadt. Und geschlossene Städte, ein Relikt der Stalin-Zeit, sind nicht nur für Ausländer geschlossen. Auch russische Staatsbürger haben keinen Zugang zu diesen geschlossenen Städten. Die Atomwirtschaft in Ost und West kann also beruhigt sein: sollte es jemals zu einem Unfall mit dem deutschen Atommüll in Novouralsk kommen, wird die Öffentlichkeit wohl nie davon erfahren.

Und was bedeutet die aktuelle politische Situation in Ihrem Land für die Umwelt?

Zunächst sehen wir, dass westlichen Regierungen der Schutz der Umwelt weit wichtiger als der russischen Regierung ist. Staatliche Umweltschutzprogramme werden zum großen Teil vom Westen finanziert, weniger als die Hälfte der Mittel dieser Programme stammt aus dem russischen Haushalt. Die russische Atomindustrie ist ein Kind des KGB, ein Kind von Berija und Stalin. Und sie besitzt nicht nur Uranvorkommen, ist auch die stolze Besitzerin von Gold, Edelmetallen und wertvollen Steinen. Die Atomindustrie ist ein sehr reicher Industriezweig. Und trotz all dieses Reichtums erlebte diese Industrie ihr Tschernobyl, ihr Kyschtym am Ural, zeigte in der Vergiftung von Alexander Litwinenko ihr Gesicht.

Sie erwähnen Litwinenko: wird denn auch in Ihrer Heimat am Ural Polonium, das für Litwinenko tödliche Gift, produziert?

Ob Polonium hier produziert wird, geht aus offiziellen Quellen nicht hervor. Doch an einen Vorfall kann ich mich erinnern. 1991 war ich die Vorsitzende der Kommission für Strahlensicherheit des Gebietes Tscheljabinsk. In dieser Eigenschaft hatte ich damals unabhängige Experten eingeladen, die in unserem Gebiet Plutonium-Spuren suchen sollten. Und ausgerechnet in der Nähe des Flughafens hatte man bei einer dieser Untersuchungen Polonium, nicht Plutonium, gefunden. Wir waren damals dieser Polonium-Spur am Flughafen von Tscheljabinsk nicht nachgegangen. Erst als ich von der Ermordung Litwinenkos hörte, wurde mir bewusst, von welcher Bedeutung unsere Polonium – Spur von 1991 ist. Korruption und Radioaktivität haben eines gemeinsam: sie kennen keine Grenzen. Heute sehen wir, wie Putins Mannschaft die russische Umweltgesetzgebung schwächt, demokratische Einrichtungen so umfassend „transformiert“, dass nur noch die Worthülsen übrig bleiben. Die Polittechnologen des Kreml haben es geschafft, Begriffe wie Demokratie, Zivilgesellschaft, Nichtregierungsorganisationen zu diskreditieren. Die Regierungen der westlichen Länder haben sich die demokratischen Werte auf ihre Fahnen geschrieben. Doch durch ihre Abhängigkeit von Gas, Uran und anderen Energieträgern drücken sie angesichts der Gefahren für Umwelt und Demokratie ihre Augen zu. Die westlichen Demokratien, die den Druck einer sich globalisierenden Welt spüren, erinnern mich an einen Frosch, der in der warmen Milch der russischen Gas- und öl-Autokratie schwimmt. Doch wenn die Milch zu heiß geworden ist, wird es zu spät sein.

Zur Person:
Natalia Mironowa (60) ist die Vorsitzende der Anti-AKW-Organisation „Bewegung für atomare Sicherheit“. Diese Organisation hat den Widerstand am Ural gegen den Import ausländischen Atommülls und den Neubau von Atomkraftwerken organisiert. Frau Mironowa ist Ingenieurin und gleichzeitig Dr. der Soziologie. Sie hat mehr als 100 Aufsätze und Bücher zu den Themen: Thermodynamik, Atompolitik, die Rolle von NGOs in den modernen Gesellschaften veröffentlicht.
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