• BERNHARD CLASEN • |
Angesichts der großen Geheimhaltung
um den Einsatz der KSK-Truppen wurde dieser Einsatz lange Zeit in der Öffentlichkeit
nicht einmal diskutiert.
Die deutsche Zusammenarbeit mit Usbekistan
Besonders wichtig für die deutschen
Truppen in Afghanistan ist Usbekistan und eine gute Zusammenarbeit mit der usbekischen
Regierung. Deutsche ISAF-Soldaten fliegen über den deutschen Luftwaffenstützpunkt
Termez (Usbekistan) nach Afghanistan. Der Luftwaffenstützpunkt Termez ist
für die deutschen Truppen in Afghanistan von existenzieller Wichtigkeit.
In ihrem Krieg gegen den nichtstaatlichen Terror scheinen die Verantwortlichen
in der deutschen Politik keine großen Probleme mit dem Staatsterror des
usbekischen Regimes zu haben. Am 13. Mai 2005 hatten usbekische Regierungskräfte
500 Demonstranten in der Stadt Andischan erschossen. Folter ist in den Gefängnissen
Usbekistans an der Tagesordnung. Und am 9. und 10. Dezember 2005 hat der Verteidigungsstaatssekretär
Friedbert Pflüger mit der Regierung unter dem Präsidenten Karimow
einen für die NATO und die Bundeswehr zentralen Deal gemacht: trotz der
gegen das usbekische Regime verhängten EU-Sanktionen darrf die Bundeswehr
den Stützpunkt Termez weiter nutzen, und somit auch alle anderen NATO-Staaten.
Der usbekische Innenminiister Sakri Almatow
ließ sich daraufhin kurz vor Weihnachten in einer Klinik in Hannover (dem
Herkunftsort des Staatssekretärs Friedbert Pflüger) medizinisch behandeln,
obwohl er wohl einer der Hauptverantwortlichen des Massakers von Andischan ist
und für alle usbekischen Regierungsmitglieder ein Visaverbot besteht.
Deutschland vergibt an Usbekistan umfangreiche
Militärhilfe, zuletzt wurde Sanitätsmaterial aus Beständen der
Bundeswehr in Höhe von 280000 Euro an Usbekistan geschenkt. Die Schenkung
sei „Ausdruck der guten Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Usbekistan auf
militärischen Gebiet“ so der deutsche Botschafter Joachim Kinderlen.
Quelle: Tobias Pflueger: was macht
die Bundeswehr in Usbekistan, November 2006,
http://www.tobias-pflueger.de/material/TP-Materialien-2-Usbekistan.pdf,
Seite 32.
Tamara Chikunova
In Usbekistan arbeite ich mit der Menschenrechtlerin
Tamara Chikunova zusammen. Tamara Chikunova hat ihren Sohn verloren. Er wurde
in einem Gefängnis in Usbekistan hingerichtet. Seitdem kämpft Tamara
Chikunova gegen die Todesstrafe – in Usbekistan und der ganzen Welt.
Im September 2005 interviewte ich Tamara
Chikunova für das „Friedensforum“ (Bonn). Hier mein Artikel:
Zur Situation in Usbekistan
sprach Bernhard Clasen mit der Preisträgerin
Frau Chikunova, Sie
wurden 2005 die Trägerin des Menschenrechtspreises der Stadt Nürnberg.
Was bedeutet dieser Preis für Sie?
Für mich ist dieser
Preis der Stadt Nürnberg eine große Ehre. Die Verleihung zeigt, dass
mein Kampf gegen Folter und die Todesstrafe nicht nur für Usbekistan wichtig
ist, er hat auch eine wichtige Bedeutung für die europäische Gemeinschaft.
Dies zeigt, dass Europa, dass Deutschland nicht gleichgültig gegenüber
den Problemen anderer Staaten, und insbesondere Usbekistans, einem Land, in
dem die Menschenrechte nicht eingehalten werden, sind. Die Preisverleihung ist
nicht nur eine große Ehre, sie ist auch eine große Verantwortung
für meine Arbeit.
Sehen Sie in Usbekistan
staatlichen und nichtstaatlichen Terror?
Angesichts des in Usbekistan
herrschenden Staatsterrors gegenüber Andersdenkenden kann von einer Einhaltung
der Menschenrechte auch nicht im Entferntesten gesprochen werden. Der nichtstaatliche
Terror hat nicht die Ausmaße, wie man immer die internationale Gemeinschaft
glauben machen will. In Usbekistan werden Menschen, die zur Opposition zählen,
Menschenrechtler und religiöse Moslems, verfolgt. Was das Recht auf Leben
angeht, gibt es gewisse Fortschritte, doch diese Fortschritte, so der Erlass
des Präsidenten, werden erst am 1. Januar 2008, also in mehr als zwei Jahren,
wirksam werden. Die Todesstrafe ist ein Gewaltakt des Staates, der sich nicht
mehr rückgängig machen lässt. Unweigerlich werden auch Unschuldige
Opfer dieser Strafe. Da Fehler der Rechtssprechung nicht auszuschließen
sind, besteht immer das Risiko Unschuldige zu bestrafen. Am 1.1.2008 soll die
Todesstrafe in Usbekistan abgeschafft werden. Doch was ist in der Zeit bis zu
diesem Datum? Hier ist ein Moratorium einzuführen. Denn nur mit einem Moratorium
können wir jetzt gegen verhängte Gerichtsentscheidungen klagen, neue
Gerichtsentscheidungen anstreben und das Leben von jungen Menschen retten, die
zum Tode verurteilt sind oder noch zum Tode verurteilt werden können.
Wie ist es in Usbekistan
um die Menschenrechte bestellt?
In Usbekistan sind die
Menschenrechte Teil der Verfassung und des Strafprozesskodex, da Usbekistan
1995 das erste Protokoll des Internationalen Pakts zu Bürgerlichen und
politischen Rechten unterschrieben und ratifiziert hat. Doch in der Praxis werden
diese Gesetze nicht angewandt, Menschenrechte wie Pressefreiheit, Freiheit der
Glaubensausübung, Unschuldsvermutung, Existenz von freien und unabhängigen
Gerichten, Recht auf Leben, Recht auf eine menschenwürdige Behandlung von
Gefangenen etc. werden massiv verletzt.
Was für eine Unterstützung
erwarten Sie sich als Menschenrechtlerin von der Gesellschaft in Deutschland,
von deutschen Politikern?
Ich hielte es für
wünschenswert, dass die deutschen Politiker und die deutsche Gesellschaft
klar ihren Willen artikulierten und Usbekistan aufriefen, die Menschenrechte
einzuhalten und ein sofortiges Moratorium für die Verhängung und Ausführung
der Todesstrafe einzuführen.
Ist Ihrer Auffassung
nach die Präsenz von deutschen Truppen in Usbekistan erforderlich?
Ich kann nicht sagen,
dass die deutschen Truppen in Usbekistan nötig oder nicht nötig wären.
Mir erscheint es nur merkwürdig, dass Usbekistan Amerika 180 Tage gegeben
hat, um seine Truppen aus Usbekistan abzuziehen, zu den deutschen Truppen jedoch
schweigt. Warum?
Offensichtlich scheint die Präsenz deutscher Truppen auf dem Territorium
Usbekistans rein formal zu sein. Ich denke, wenn diese Truppen bei sich in Deutschland
wären, würden sie mehr Nutzen bringen.
Abgeschrieben
von der Homepage der rot-grünen Bundesregierung:
Die Bilanz
der bilateralen Beziehungen ist positiv. Usbekistan sieht in Deutschland einen
wichtigen Partner in Westeuropa. Es bezeichnet das deutsche politische und wirtschaftliche
System als Vorbild, betrachtet Deutschland als einen Wunschpartner und erklärt,
in Menschenrechtsfragen und bezüglich der Rahmenbedingungen für Handel
und Investitionen dialogbereit zu sein. Deutschland wird vielfach als Anwalt
usbekischer Interessen innerhalb der Europäischen Union gesehen. Usbekistan
sieht sich als Teil der Anti-Terror-Koalition; die Sprengstoffexplosionen in
Taschkent und bei Buchara Ende März 2004 und erneut am 30. Juli 2004 in
Taschkent haben nicht zu einer Änderung dieser Haltung geführt. Durch
die Gewährung des Lufttransportstützpunktes in Termez im Rahmen der
ISAF und der Stationierung von ca. 200 Bundeswehr-Soldaten hat die bilaterale
Zusammenarbeit zwischen Deutschland und Usbekistan eine neue sicherheitspolitische
Komponente erhalten. Im Kampf gegen die Gefahren, die von Drogenhandel und organisierter
Kriminalität ausgehen, sucht Usbekistan Unterstützung. Im multilateralen
Bereich arbeiten Deutschland und Usbekistan seit Jahren gut zusammen.
Homepage des Auswärtigen Amtes, abgerufen am 21. August 2005
Mein Artikel zu Tamara Chikunova, Publik-Forum
vom 4.11.2005
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