Bernhard Clasen

• BERNHARD CLASEN •

Das Gebiet des Karabach-Konfliktes
(Armenien und Aserbaidschan)



Dieser wohl blutigste Krieg im postsowjetischen Raum kostete tausenden das Leben. Auch wenn 1994 einen Waffenstillstand vereinbart werden konnte, sterben immer wieder Soldaten an der Waffenstillstandslinie, werden immer wieder Kriegsgefangene gemacht. Zusammen mit Svetlana Gannuschkina (Moskau) und Paata Zakareishvili (Tbilisi) gründete ich 1998 die „Arbeitsgruppe zur Freilassung von Gefangenen und Geiseln und Suche von Vermißten des Karabach-Konfliktes“. Seit 1998 wird die Gruppe vom Auswärtigen Amt, der Heinrich-Böll-Stiftung und der Caritas Frankreich finanziert.

Unsere Gruppe setzt sich für die Suche von Vermissten des Krieges ein, ist Vermittler zwischen den Konfliktparteien und hilft ehemaligen Kriegsgefangenen und Angehörigen von Vermissten. Mehrere Gefangene konnten u.a. wegen der Arbeit unserer Gruppe freigelassen wreden. 2005 konnte die Gruppe ein Treffen von hochrangigen Vertretern Armeniens und Aserbaidschans im georgischen Tbilisi vermitteln. 2006 sprachen Swetlana Gannuschkina und ich im Europarat vor dem Ausschuss für Migration und Flüchtlinge über die Situation im Karabach-Konflikt.

Die Arbeit der Arbeitsgruppe wird Bernhard Clasen (Mönchengladbach) sowie von Frau Svetlana Gannuschkina (Moskau) und Herrn Paata Zakareishvili (Tbilisi) koordiniert. Vor Ort werden sie von Beauftragten unterstützt.

1.1   Die aktuelle Situation im Gebiet des Karabach-Konfliktes

In der Sache hat sich auch in 2006 nicht sehr viel verändert.

5551 gelten in der Folge des Krieges als vermisst, unter ihnen 4.604 Aserbaidschaner und 947 Armenier. Praktisch alle dieser Personen wurden Anfang der 90er Jahre als vermißt gemeldet. Es besteht kaum Hoffnung, daß auch nur eine kleine Zahl von ihnen lebend wieder gefunden wird.

Unserer Int. Arbeitsgruppe sind sechs Fälle von Personen bekannt, die in 2006 in Kriegsgefangenschaft gerieten. Sie alle wurden nach wenigen Tagen oder Wochen freigelassen. Den aserbaidschanischen ehemaligen Kriegsgefangenen droht jedoch eine langjährige Verurteilung wegen Vaterlandsverrates in ihrer Heimat.

Ausführliche Informationen über die aktuelle Lage der Vermissten und Kriegsgefangenen des Karabach-Konfliktes finden sich Bericht des Rapporteurs des Europarates, Herrn Leo Platvoet (www.xyz.de) . 

1.2   Projektziele der Internationalen Arbeitsgruppe

       -   Hilfe für Gefangene, Ex-Gefangene und Geiseln des Karabach-Konfliktes mit dem Ziel ihrer Freilassung;

       -   Sammlung und Systematisierung von Informationen über die Vermißten aller Konfliktparteien;

       -   Vermittlung zwischen armenischen und aserbaidschanischen staatlichen Vermisstenkommissionen

       -   Hilfe für ehemalige Kriegsgefangene und Angehörige von Vermissten

       -   Verifizierung von Gerüchten über Vermißte und angeblich gefangen gehaltene Personen als Maßnahme zur Vertrauensbildung;

       -   Schaffung einer Atmosphäre des Vertrauens zwischen den Konfliktparteien als Voraussetzung einer Zusammenarbeit der Konfliktparteien in humanitären Fragen.

2.  Arbeiten und Aufgaben des Projektes

2.1.1  Reisen von Mitgliedern der Arbeitsgruppe

Seit 1995 reist die Gruppe mehrmals im Jahr nach Armenien und Aserbaidschan. Vor Ort arbeiten wir mit den staatlichen Vermisstenkommissionen, Angehörigen von Vermissten, ehemaligen Gefangenen, der OSZE und dem ICRC zusammen. Seit Anfang 2006 arbeiten wir mit dem Berichterstatter des Europarates zur Vermißtenproblematik im Südkaukaus, Herrn Leo Platvoet, zusammen.

2.1.2  Hilfeleistungen für ehemalige Gefangene des Karabach-Konfliktes

Die Arbeitsgruppe setzt den Kontakt zu ehemaligen Gefangenen des Karabach-Konflikts fort und organisierte verschiedene Hilfsleistungen für diese Personengruppe. In den letzten beiden Jahren geschah dies wegen finanzieller Engpässe ausschließlich auf ehrenamtlicher Basis. Insgesamt wurden in Baku, Yerevan und Stepanakert in den vergangenen fünf Jahren 20 Personen psychologisch betreut. 

2.2  Zusammenarbeit mit dem Europarat 

Der Europarat hatte Ende 2005 die Entscheidung getroffen, das Thema der „Vermißten des Karabach-Konfliktes und des Abchasien-Konfliktes“ zu behandeln. Es wurde ein Rapporteur, der niederländische Politiker Leo Platvoet ernannt und beauftragt, bis Anfang 2007 einen Bericht zur Vermißtenproblematik im Karabach- und Abchasien-Konflikt zu erstellen. Die Arbeitsgruppe nahm mit Herrn Platvoet und Herrn Neville, Sekretär des Komitees für Flüchtlinge und Migration des Europarates, Kontakt auf. In zahlreichen Schreiben und Gesprächen informeirte die Int. Arbeitsgruppe die Herren Platvoet und Neville über die Situation vor Ort. Hier war es der Arbeitsgruppe insbesondere wichtig, den Europarat von der Notwendigkeit einer gemeinsamen Vermisstenkommission zu überzeugen un darzulegen, dass aller Wahrscheinlichkeit kaum jemand von den Vermissten noch am Leben ist. Dies zeige auch die Vermisstensuche der Int. Arbeitsgruppe.

Anfang Oktober sprach die Int. Arbeitsgruppe auf Einladung von Herrn Platvoet auf einer Sitzung des Komitees für Flüchtlinge und Migration über die Vermißtenproblematik im Karabach-Konflikt.

2.2.1  Vermisstensuche 

Auch wenn alle Untersuchungen der Arbeitsgruppe im Projektzeitraum zu Gerüchten über angeblich auf der jeweils anderen Seite festgehaltene Personen stets mit negativem Ergebnis abgeschlossen wurden, da keine Belege dafür gefunden werden konnten, dass diese Personen noch lebten, ist dieses Resultat insgesamt positiv zu bewerten: Durch diese Aufklärung kann unter den Konfliktparteien, die das angebliche Festhalten von Personen durch die Gegenseite immer wieder instrumentalisieren, allmählich die Überzeugung wachsen, dass die allermeisten Vermißten tot sind. Die zunehmende Realisierung und Akzeptanz für dieses Faktum ist ein wichtiger vertrauensbildender Schritt.

In unserer mehrjährigen Tätigkeit vor Ort arbeiteten wir zu ca. 200 konkreten Fällen von Vermißten. Diese Informationen unserer mehrjährigen Tätigkeit fassten wir in einer Datenbank in russischer und englischer Sprache zusammen. Anfang Oktober überreichten wir diese Datenbank Herrn Platvoet in Strasbourg.

3.  Erreichte Projektziele und weitere Pläne

In der Vergangenheit hatten wir in erster Linie versucht, unsere Projektziele in unserem direkten Kontakt mit den staatlichen Vermisstenbehörden aller drei Seiten durchzusetzen. Hier hatten wir mehrere Erfolge gehabt, Gefangene konnten freigelassen werden, zu 200 konkreten Vermissten hatten wir intensiv gearbeitet. 

Änderung der Zielgruppe

Inzwischen sind wir der Auffassung, daß wir unsere Prioritäten anders setzen und neue Zielgruppen wählen müssen. In der aktuellen Situation ist es wichtig, nicht nur den direkten Kontakt zu den staatlichen Vermißtenkommissionen zu pflegen, sondern auch über die Öffentlichkeit, wie z.B. dem Europarat, auf die Situation Einfluß zu nehmen.
Damit wollen wir erreichen, daß die armenische und aserbaidschanische Seite in der Vermisstenfrage direkt zusammenarbeiten, mehr für ehemalige Kriegsgefangene getan wird (materielle, psychologische Hilfe) und die mindestens 11 ehemaligen aserbaidschanischen Kriegsgefangenen, die wegen angeblicher Zusammenarbeit mit dem Feind zu mehr als 10 Jahren Haft verurteilt worden sind, freigelassen werden. 

Langfristiger Erfolg:

Wir haben mit unserer Gruppe gezeigt, daß eine direkte Zusammenarbeit von Armeniern und Aserbaidschanern möglich ist. Wir haben immer wieder eine direkte Zusammenarbeit in humanitären Fragen gefordert. Wenn es eines Tages zu dieser Zusammenarbeit kommen sollte, die Erfahrungen in Ex-Jugoslawien und Abchasien zeigen, daß dies möglich ist, haben wir auch einen Teil dazu beigetragen.

Weitere Informationen über die Internationale Arbeitsgruppe unter:
www.agkk.org

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