Bernhard Clasen

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Aktuelles

Svetlana Gannuschkina


Svetlana Gannuschkina Zum sechsten Mal hat Svetlana Gannuschkina, die Flüchtlingsbeauftragte der russischen Menschenrechtsorganisation „Memorial“, soeben ihren jährlich erscheinenden, 150 Seiten starken Jahresbericht über die Lage der Menschen aus Tschetschenien herausgegeben. Vieles in dem auch in Deutsch vorliegenden Bericht lässt aufhorchen:

Innerhalb nur eines Jahres hat sich in Tschetschenien viel verändert: auf den Ruinen ist eine blühende Stadt gewachsen, die nur an wenigen Stellen noch an die beiden Kriege erinnert. Flüchtlinge verlassen ihre Unterkünfte. In einem Jahr haben die Entführungen um das sechsfache abgenommen. Zwar ist die medizinische Versorgung der Bevölkerung nach wie vor sehr schwierig. Es herrscht ein akuter Ärztemangel, gut ausgerüstete medizinische Einrichtungen und Fachleute fehlen. Viele Gesundheitseinrichtungen sind immer noch zerstört und werden nur langsam wiederaufgebaut. Doch es wird in die Gesundheit der Bevölkerung investiert. Es wurde sehr viel diagnostische Ausrüstung gekauft, ein großes medizinisches Diagnosezentrum ist in Planung.

Hat der tschetschenische Präsident Ramsan Kadyrow am Ende Recht, wenn er sagt, Tschetschenien sei die ruhigste Region Russlands geworden?

Ein Blick hinter die Fassade der schönen Häuser der Hauptstadt Grosnij zeigt: auch heute noch herrscht in Tschetschenien erschreckend viel Gewalt.

Ende März wurden in einem Wald bei Samaschki mehrere verstümmelte, in Säcken verpackte Leichen entdeckt, von russischen Hubschraubern abgeworfen. Unter den Toten war auch Ruslan Eliew.

Die Spuren, die man an seinem Körper im Wald von Samaschki entdeckte, deuten auf Folter hin. Ruslan Eliew hatte man Finger- und Fußnägel herausgerissen, die Augen ausgestochen, er hatte am Körper Verbrennungsmerkmale, seine Finger waren gebrochen, Ohren und Nase abgeschnitten. Eliew war Ende 2006 in der aserbaidschanischen Hauptstadt Baku von Unbekannten entführt worden.

Verdächtige werden mit Foltermethoden, u.a. Stromschlägen, die an die schlimmsten Praktiken südamerikanischer Militärdiktaturen erinnern, zu „Geständnissen“ gezwungen.

Es kommt immer wieder zu Sippenhaft. So wurden die Frau von Schamil Basajew, Elina Ersenowa, und ihre Mutter vom Geheimdienst entführt. Elina Ersenowa war zu dieser Heirat gezwungen worden. Von ihr fehlt bis jetzt jede Spur.

Besonders gefährdet sind die Menschen in den Bergregionen. Regelmäßig finden dort Luftangriffe gegen angebliche Stützpunkte der Rebellen und sog. „Passkontrollen“ statt.

Als sich eines Nachts einige Dorfbewohner einem außer Betrieb genommenen Ölturm näherten, um das dort verbliebene Metall mitzunehmen, wurden sie von einem Hubschrauber mit einer Rakete angegriffen. Zwei Menschen starben. Die Hubschrauberbesatzung war sich sicher, dass man Rebellen getroffen habe. Bestraft für diesen Fehler wurde kein einziges Besatzungsmitglied.
Ende März waren drei Frauen bei der Beerensuche von Soldaten überfallen worden. Die 28-jährige Lehrerin Chaldat Mutakowa war sofort tot, sie hinterlässt eine kleine Tochter. Eine weitere Frau starb wenig später auf dem Weg ins Krankenhaus. Auch hier hatten die Soldaten zuerst geschossen und dann erst gefragt, ob es sich um Zivilisten oder Rebellen handele.
Während sich die Zahl der Entführungen in Tschetschenien um das sechsfache verringert hat, werden in den Nachbarrepubliken Nordossetien, Inguschetien und Dagestan immer mehr Menschen entführt. Statistisch gesehen, so der Gannuschkina-Bericht, wurden im vergangenen Jahr mehr Menschen in Inguschetien entführt als in Tschetschenien. Da es in Inguschetien kein eigenes Untersuchungsgefängnis gibt, werden die Entführten und Gefangenen in der Regel nach Wladikawkas in Nordossetien gebracht. Dort können sie nicht auf Milde hoffen. Seit Jahrzehnten sind Osseten und Inguschen verfeindet, die Pogrome gegen die inguschische Minderheit im ossetischen Prigorodnij mündeten 1992 fast in einen Krieg.

Immer mehr Binnenflüchtlinge verlassen die Sammelunterkünfte, was sich gut in das Bild eines prosperierenden Tschetschenien einfügt. Doch sie tun es meistens unter Zwang und der Androhung von Gewalt. In der Folge stehen viele auf der Strasse und müssen sich bei Verwandten einquartieren.

Besonders gefährdet sind Tschetschenen, die lange im Ausland gelebt hatten. Wer lange weg war, hat entweder im Ausland gutes Geld verdient, oder er war bei den Rebellen in den Wäldern. Beides sind vielfach Gründe für Entführungen mit Lösegeldforderungen. Der Bericht beschreibt Fälle von Tschetschenen, die aus der Ukraine, Großbritannien und Frankreich in ihre Heimat zurückgekehrt waren und dort kurz nach ihrer Ankunft ermordet wurden.

Die Schlussfolgerungen der russischen Menschenrechtler sind nicht gerade optimistisch. Im Nordkaukasus habe sich zwar einiges gewandelt. Insgesamt könne man nicht davon sprechen, dass das Gesamtbild heute besser sei als vor einem Jahr.
Auch in anderen Teilen Russlands sei ein Leben für Menschen aus Tschetschenien aufgrund der Diskriminierungen nicht möglich. Die großen Schwierigkeiten, eine Registrierung zu erhalten, führten dazu, dass sich viele Binnenflüchtlinge zu einer Rückkehr nach Tschetschenien gezwungen sehen.

„Noch ist die Zeit für eine Rückkehr von Menschen, die glücklicherweise ausreisen konnten und heute in Sicherheit leben, nicht angebrochen.“ so Svetlana Gannuschkina.

Ramsan Kadyrow und die tschetschenische Regierung tun etwas, um das Image der Republik aufzupolieren. Im Sommer 2008 werde die Sängerin Mireille Mathieu in Grosnij auftreten, hieß es kürzlich in einer Pressemitteilung der tschetschenischen Regierung.

There is no Business as Show Business.


  • Den gesamten Bericht finden Sie hier:

    Photos von Svetlana Gannuschkina finden sich hier:
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