Bernhard Clasen

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Aktuelles

23. Juli 2010: Interview mit Jurij Samodurow,
langjährigem Direktor des Moskauer Sacharow-Zentrums




Ein Moskauer Bezirksgericht hatte im Juli den ehemaligen Direktor des Moskauer Sacharow-Museums, Jurij Samodurow, zusammen mit seinem Kollegen für die 2007 im Sacharow-Zentrum gezeigte Ausstellung “Verbotene Kunst“ der antireligiösen Hetze für schuldig gesprochen und ihn zu einer Geldstrafe von über 5000 Euro verurteilt. Der Staatsanwalt hatte gar Straflager von drei Jahren gefordert. Bereits 2003 war Samodurow mit der Ausstellung „Vorsicht Religion“ bei konservativen orthodoxen Gläubigen angeeckt und 2005 zu einer Geldstrafe verurteilt worden.

Schon früh fiel der studierte Geologe (59) mit Veröffentlichungen zu gesellschaftlichen Fragen und dem Archivwesen auf. Wie ein roter Faden zieht sich die Auseinandersetzung mit der Unfreiheit in der Sowjetunion durch seine Arbeiten. Seit der Gründung des Sacharow-Museums 1996 bis zu seiner Entlassung 2008 war Jurij Samodurow, dessen Frau Geologin, Psychologin und Pädagogin ist, der Museumsdirektor.

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Am 12. Juli verurteilte ein Moskauer Gericht die Organisatoren der Ausstellung „Verbotene Kunst“, Sie und Andrej Jerofejew, wegen “Anstachelung von Hass gegen die Christenheit im allgemeinen und die Orthodoxie im Besonderen“ zu 5000 Euro. Wie kommentieren Sie dieses Urteil?

Es war sicherlich schwer, dies alles durchzustehen. Aber ich will nicht mehr über das Gerichtsverfahren sprechen. Ich will dies deshalb nicht, weil die Medien mich bei der Prozessberichterstattung mit dem Sacharow-Museum und der Menschenrechtsorganisation „Memorial“ in Verbindung gebracht haben. Doch wir gehen schon lange getrennte Wege. Und so geht es bei dem Verfahren zur Ausstellung „Verbotene Kunst“ nicht um das Sacharow-Zentrum oder „Memorial“, sondern um mich und meinen Kollegen Andrej Jerofejew. Dabei war ich einer der Initiatoren der Gesellschaft Memorial, gehörte bis zu ihrer Gründungskonferenz zur informellen Führung.

Es scheint, als sei der Prozess der Trennung von Memorial und dem Sacharow-Zentrum schmerzlicher verlaufen als der Gerichtsprozess zur Ausstellung?

Ja, leider. Ich habe 1996 das Museum organisiert. Zur Hälfte geht es in diesem Museum um die Geschichte der politischen Verfolgung. Doch das wollten die Menschenrechtler nicht. Die Menschenrechtler wollten überhaupt kein Museum. Sie wollten vielmehr ein gesellschaftliches Zentrum.

Es bestanden also Differenzen?

Ja, und zwar mit dem Träger des Museums, der Andrej Sacharow-Stiftung. Deren Vorsitzende war bis 2005 die Witwe von Andrej Sacharow, Elena Bonner. Seit 2005 ist Sergej Kowaljow der Vorsitzende.

Ein langer Konflikt entspann sich 2000 mit der Einrichtung des Ausstellungssaales, der Ausarbeitung der Ausstellungen und dem Einsatz der Sprache der modernen darstellenden Kunst. Ich war immer der Auffassung, dass im Sacharow-Museum alle Sprachen der Kultur anzuwenden sind. So wurde das Ausstellungsprogramm zu einem zentralen Bestandteil des Museums, jedes Jahr hatten wir ungefähr 16 Ausstellungen. Die Ausstellungen zu aktuellen gesellschaftlichen Problemen wurden von Künstlern moderner Kunst gestaltet. Die Träger des Museums, Freunde, Kollegen und Mitstreiter von Andrej Sacharow, in der Regel ältere Menschen, die bedingt durch ihre Tätigkeit mit moderner Kunst nichts zu tun haben, waren gegen diese Herangehensweise, warfen mir „Galllerismus“ vor. Doch für mich ist die Sprache der modernen Kunst, über die sich die Probleme der Gesellschaft aufzeigen lassen, unersetzlich.

Und wie standen die Träger des Museums zur Ausstellung „Verbotene Kunst“? Für sie waren und sind „Vorsicht Religion“ und „Verbotene Kunst“ meine Fehler. Mit diesem Fehler hätte ich das Sacharow-Museum und das Sacharow-Zentrum in der Gesellschaft diskreditiert. Während man mir die erste Ausstellung noch „verziehen“ hat, hat man das bei der zweiten, im März 2007 gezeigten Ausstellung, nicht gemacht. Ich war nie der Auffassung, dass meine Ausstellungen ein Fehler gewesen seien.

Ein weiteres Problem war die Finanzierung unseres unabhängigen Museums. Die Träger des Museums hatten keine Erfahrung beim Aufbau eines Museums, hatten nur unklare Vorstellungen über die Funktionen eines Museums. 2008 betrug der Haushalt des Museums 450 Tausend Dollar. Fünf Jahre hatte man von mir gefordert, Mitarbeiter zu entlassen. Im Januar 2008 hatte ich mich geweigert, der Forderung der Träger nachzukommen, den Haushalt auf 100 Tausend Dollar zu begrenzen. Das hätte gerade einmal gereicht, um das Gebäude weiter instandzuhalten. Ich war immer der Auffassung, dass Träger und Beirat des Museums alles in ihren Kräften stehende hätten unternehmen müssen, um die erforderlichen Gelder zu bekommen.

Als 2008 alle meine Vorschläge abgelehnt wurden, sah ich mich gezwungen, Museum und Sacharow-Stiftung zu verlassen.






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