Bernhard Clasen

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Aktuelles

20.6.2008: Deutscher Atommüll am Baikalsee

Eine Reise russischer Umweltschützer zeigt:
deutscher Atommüll gefährdet Mensch und Natur am Baikalsee

Raschid Alimow, Anti-Atom Campaigner der norwegisch-russischen Umweltgruppe „Bellona“ ist wütend. Der in St. Petersburg lebende Umweltschützer hält sich zur Zeit auf Einladung der russischen Atomenergiebehörde „Rosatom“ in Angarsk am Bajkal-See auf. Die russische Atomwirtschaft sucht den Dialog mit den Umweltschützern, hat Fahrt- und Aufenthaltskosten für die Umweltschützer übernommen. Dort ist man nervös über die zunehmenden Proteste. Nachdem kürzlich in St. Petersburg Gerüchte über eine Havarie im nahe gelegenen Atomkraftwerk die Runde gemacht hatten, kauften die Menschen panikartig Jod in den Geschäften. Und immer wieder protestieren Umweltschützer am Baikal-See gegen die Urananreicherung in Angarsk. Nun sollten sich die Umweltschützer im „Elektrolyse- und Chemiekombinat Angarsk“, wo atomarer Abfall aus der Urananreicherung, u.a. auch aus dem nordrhein-westfälischen Gronau, lagert, selbst ein Bild machen. Der aus St. Petersburg angereiste Umweltschützer Alimow ist enttäuscht. „Sofort beim Betreten des Werkes wurden wir genau kontrolliert, man hat uns Geigerzähler und Photoapparate abgenommen. Und als wir Bodenproben entnehmen wollten, wurden wir daran gehindert. Was uns die russische Atombehörde geboten hat, hat weder mit Glasnost noch mit Dialog etwas zu tun. Man will unseren Besuch nur benutzen, um in der Öffentlichkeit den Anschein zu erwecken, als sei man an einem Gespräch mit kritischen Umweltschützern interessiert.“ so Alimow im Gespräch mit mir.

Aus einem gewissen Abstand habe man aber einen Blick auf den Atommüll werfen können, der nach Angaben von Alimow unter freiem Himmel lagere. Auch deutsche Behälter hatte Alimow hierbei erkennen können.

„Wir durften mit niemandem in diesem Werk, außer dem Pressesprecher, reden. Doch auch er war sprachlos, als wir ihn baten, die Angaben eines Berichtes des Limnologischen Institutes der Akademie der Wissenschaften zu kommentieren, das auf dem Firmenareal in Angarsk eine 37-fach erhöhte Alpha-Strahlung und eine 80-fach erhöhte Gamma-Strahlung gemessen hatte“.

Alimow kämpft seit Jahren gegen den Import von atomarem Abfall aus Westeuropa, u.a. auch aus Deutschland. „Tausende Tonnen radioaktiven Atommülls lagern in Russland unter freiem Himmel und verseuchen die Umwelt." so Alimow. Einer der Orte, an denen radioaktives Uranhexafluorid (UF6) aus Deutschland lagert, ist das „Elektrolyse- und Chemiekombinat Angarsk“. Die Transporte des Uranhexafluorid gehen in der Regel vom nordrhein-westfälischen Gronau per Zug nach Rotterdam, anschließend per Schiff nach St. Petersburg, und dann nach Novouralsk oder Angarsk. Nach Informationen der russischen Umweltschützer fanden die letzten Transporte nach Angarsk 2002 statt. Seitdem wird ausländischer Atommüll vor allem in die geschlossene Stadt Novouralsk bei Ekaterinburg gebracht.

Uranhexafluorid (UF6) ist in seiner abgereicherten Form ein Abfallprodukt, welches bei der Herstellung von Uran in Urananreicherungsanlagen für Brennelemente anfällt. UF6 ist in seiner abgereicherten Form ein Abfallprodukt, das in Urananreicherungsanlagen anfällt. Ab etwa 57 Grad Celsius bei normalem Luftdruck gasförmig, bildet es mit Wasser hochätzende Flusssäure sowie wasserlösliches Uranylfluorid. Ein Unfall mit Freisetzung des Stoffes würde eine Katastrophe bedeuten.

Seit 1996 lieferte die Firma Urenco rund 80 000 t abgereichertes Uran als Atommüll nach Russland. Davon kamen allein 20 000 Tonnen aus Gronau.

Am gestrigen Donnerstag gingen drei russische Umweltgruppen in Irkutsk in einer gemeinsamen Pressekonferenz an die Öffentlichkeit. Die Vorsitzende der „Ökologischen Bajkal-Welle“, Marina Richwanowa, warnte vor dem in Angarsk geplanten internationalen Zentrum für Urananreicherung. 20 000 Unterschriften habe man in Irkutsk und Angarsk bereits gegen die geplante internationale Urananreicherungsanlage gesammelt, die auf dem Gelände des „Elektrolyse- und Chemiekombinates Angarsk“ angesiedelt werden solle. „Das internationale Urananreicherungszentrum“, so Richwanowa, „wird nur 90 km vom Baikal-See entfernt gebaut werden. Der Baikal-See ist der größte Trinkwasserspeicher Russlands, hier befinden sich 94% des russischen Trinkwassers. Was in Angarsk passiert, hat Auswirkungen auf den Baikal-See. In der Regel geht der Wind von Angarsk in Richtung Bajkal-See“. Richwanowa kritisierte, dass die Planungen des internationalen Urananreicherungszentrums praktisch unter Ausschluss der Öffentlichkeit stättfänden. „2,5 Milliarden Dollar sollen für den Ausbau der Urananreicherung und möglicherweise auch anderer Aktivitäten dieses Werkes investiert werden. Doch was genau mit diesem Geld geschehen solle, darüber schweigt Rosatom“ so Marina Richwanowa bei der gestrigen Pressekonferenz in Irkutsk.

Regelmäßig finden am Baikal-See Aktionen gegen die Gefahren der Atomwirtschaft statt. Am 21. Juli letzten Jahres wurde der Umweltaktivist Ilja Borodajenko in der Nähe von Angarsk bei einem Überfall rechtsradikaler Schläger auf ein Zeltlager russischer Atomkraftgegner ermordet.

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