• BERNHARD CLASEN • |
26.5.2008 im Mönchengladbacher Flüchtlingsrat:
Migration und Gesundheit - Die Migranten-Medizin der Malteser
Gesundheitsversorgung von Flüchtlingen, Migranten und
Menschen ohne gültigen Aufenthaltsstatus
Zur gesundheitlichen Situation von Migranten und Flüchtlingen
Wie kann die Versorgung der Menschen ohne gültigen Aufenthaltsstatus organisiert werden?
Einführung: Dr. med. Jürgen Wintgens, Kinderarzt
Vortrag: Dr. med. Herbert Breker, Malteser Migrantenmedizin, Köln
Mönchengladbach, Montag, 26.5.2008
Bericht: Bernhard Clasen
In seiner Einführung berichtete Jürgen Wintgens , Kinderarzt und Vorstandsmitglied des Mönchengladbacher Flüchtlingsrates über die gesundheitlichen Probleme von Migranten.
Migranten sind eine sehr heterogene Gruppe. Uns interessieren vor allem Flüchtlinge, Asylbewerber, unbegleitete Minderjährige, ca 15 bis 20 Tausend in Deutschland) und Personen ohne Aufenthaltsstatus.
In Deutschland leben 11 Millionen Migranten, das sind 13% der Bevölkerung.
50% von ihnen leben bereits länger als 10 Jahre in Deutschland.
In Deutschland leben 6,7 Millionen Ausländer, das entspricht 9% der Bevölkerung. Schätzungen gehen davon aus, dass ca. eine Million Menschen in Deutschland keinen Aufenthaltsstatus haben.
Deren Probleme sind vielfältig: die Sprachbarriere, der Mangel an muttersprachlichem Unterricht, die doppelte Halbsprachigkeit. Da viele Migranten nur Fernsehen in der eigenen Sprache sehen, wird deren Sprachkompetenz kaum gefördert.
Migranten haben unzureichende Informationen zu Angeboten
des Gesundheitswesens, was dann häufig als Noncompliance ausgelegt wird.
Auch weltanschauliche und kulturelle Fragen, wie Religion, Schamgefühl, Essgewohnheiten, Heiratsgewohnheiten, spielen eine Rolle bei der medizinischen Situation. So nimmt z.B. die Verwandtenehe wieder zu. Gerade im türkischen Bereich heiraten viele Cousinen und Cousins. Dies ist ein Grund für vermehrte genetisch bedingte Krankheiten.
Kinder haben im Kindergarten und auch noch in der Grundschule ein recht gutes Integrationsverhalten. In den weiterführenden Schulen, v.a. der Hauptschule wird dies dann wieder schlechter.
Förderschule: 3,8% der Nichtmigranten besuchen eine Förderschule, bei Migranten sind dies aber 15% der Kinder.
Erziehungshilfen: Beratungsangebote werden kaum wahrgenommen. Psychische Probleme werden tabuisiert. Psycho-somatische Probleme sind schwerer erfassbar.
In vielen Ländern ist man mit dem Präventionsgedanken der Medizin (z.B. Vorsorgeuntersuchungen) nicht vertraut.
Es gibt Unsicherheiten in der Diagnostik,
die Aufklärung vor Eingriffen wird erschwert. Häufig dolmetschen Kinder diese Aufklärungen, was allein schon aus rechtlichen Gründen fragwürdig ist.
Entwicklungsstörungen werden später erkannt.
Gleichzeitig sind die Leistungen bei Asylbewerbern deutlich reduziert.
Ärzte dürften aus ethischen Gründen
nicht zur Ausstellung der Reisetauglichkeit und der Feststellung des Alters missbraucht werden.
Bei türkischen und russischsprachigen Migranten besteht ein erhöhtes Drogenproblem.
Das Unfallrisiko bei allen Migrantenkindern ist höher.
Die Vorsorgeuntersuchungen im 4. und 5. Jahr werden
unterschiedlich besucht.
85% der deutschen, aber nur 53% der nicht-deutschen Kinder kommen zu diesen Untersuchungen.
Genetisch bedingte Erkrankungen treten deutlich gehäuft auf (Stoffwechsel, Hörstörungen, Immundefekte).
Dr. Breker aus Köln:
Dr. Breker ist leitender Arzt der Kölner Ambulanz der Migrantenmedizin (MMM), die vom Malteser Hilfsdienst aufgebaut und betreut wird. In Deutschland gibt es acht derartige Einrichtungen. 2001 hat die erste Migrantenambulanz der Malteser in Berlin ihren Betrieb aufgenommen. Derzeit hat man in Berlin 2000 Patienten. In Köln startete die MMM 2005.
Dr. Breker ist Internist und seit vier Jahren im Ruhestand. Seit drei Jahren ist er der ärztliche Leiter der Kölner Migrantenmedizin.
Auch Deutsche werden in der Migrantenmedizin betreut. 90 % der Deutschen sind krankenversichert. Da werden wir von vielen Ländern beneidet. Zum Vergleich: in den USA sind 50 Millionen Menschen nicht krankenversichert.
Auch Obdachlose sind in der Regel – über HartzIV – krankenversichert. Aber Deutschland ist im Wandel, es gibt immer mehr unterbrochene Biographien. Ich-AGs, etc. sorgen zunehmend für Lücken in der Biographie, und da mitunter auch für Lücken in der medizinischen Versicherung.
Deutschland ist das Zielland legaler und ‚nichtlegaler’ Einwanderer.
Zwei Millionen Chinesen sind illegal nach Russland eingewandert. Dies zeigt, dass überall auf der Welt Menschen aus dem Elend versuchen zu flüchten.
Fälle und Situationen, die zu Lücken in der Krankenversicherung führen:
- Rückkehr nach langem Auslandsaufenthalt (Rückkehrer finden oft keine Versicherung)
-
Verlust der Familienmitversicherung durch Scheidung. Nach einer Scheidung entfällt
- die Mitversicherung. Und wenn man zwei Monate nicht bezahlt hat, wird man aus der Krankenkasse gestrichen.
- Der Ablauf der Regelstudienzeit. Studenten können sich für unter 50 Ђ bis zum 31. Lebensjahr versichern. Danach verzichten viele häufig auf eine Versicherung, weil diese erheblich teurer wird.
Leben in einer Bedarfsgemeinschaft. Der nicht Arbeitende ist nicht HartzIV-würdig
-
Freiwillig Versicherte, die mit ihren Beiträgen im Rückstand sind, werden häufig ihres Versicherungsschutzes beraubt.
-
Insolvenz (besonders bei älteren Versicherten)
-
Vertragskündigung.
Wie viele Menschen von einer Vertragskündigung betroffen sind, ist offiziell nicht bekannt. Wer z.B. eine Diabetes-Erkrankung hat, und dies bei Abschluss der Versicherung
nicht angegeben hat, verliert die Versicherungsrechte.
-
Zahlen vor der Gesetzesänderung:
200 Tausend Menschen waren nach dem Microzensus von 2002 ohne Versicherung,
214 Tausend nach dem Microzensus von 2007.
Nach Auffassung von Dr. Breker sind diese Zahlen geschönt, tatsächlich sind weit mehr Menschen ohne Versicherung.
Menschen in der aufenthaltsrechtlichen Illegalität
- Ein undokumentierter Aufenthalt ist in Deutschland ein Straftatbestand – im Gegensatz zu Großbritannien, Frankreich oder Italien. Selbst in Amerika wollte Bush den illegalen Aufenthalt kriminalisieren. Doch das ließ sich nicht umsetzen, auch aus wirtschaftlichen Gründen nicht. Denn Menschen ohne Aufenthaltsstatus leisten oft Arbeiten, die andere nicht machen wollen – und dies zu sehr niedrigen Löhnen.
-
In Deutschland gibt es eine &Uunl;bermittlungspflicht. Wer einem Menschen ohne Aufenthaltspapiere eine Wohnung gibt, oder sonst wie dessen Aufenthalt verfestigt, gilt bereits als „Schlepper“.
-
Eine Übermittlung von Patientendaten wäre jedoch ein Verstoß gegen das Arztrecht.
Medizinisches Personal unterliegt der Schweigepflicht.
-
Zwar gilt das Schweigegeheimnis nicht in dem Umfang für Verwaltungsangestellte, doch in der Praxis werden diese nicht gezwungen, Daten weiterzureichen. Und so sind unter der Regie der Malteser schon viele Menschen ohne Aufenthaltsstatus in Krankenhäusern operiert worden, ohne dass die Polizei eingeschaltet worden wäre. Im Grund sind doch alle froh, dass sich jemand um diesen Personenkreis kümmert.
Menschen in der aufenthaltsrechtlichen Illegalität haben Grundrechte.
Diese Grundrechte sind in der Charta der UNO festgeschrieben. Sie haben Anrecht auf:
-ärztliche Versorgung in akuten Fällen und Notfallsituationen
- Schulbesuch
Schutz vor Ausbeutung auf dem Arbeitsmarkt
Die Übermittlungspflicht schränkt die Wahrnehmung der Grundrechte ein. Dieser Übermittlungsparagraph wird aber vielfach in Frage gestellt.
Größenordnung
800 tausend bis 1,5 Millionen Menschen haben keinen legalen Aufenthaltsstatus.
Allein im Raum Köln leben ca. 20 Tausend bis 25 Tausend ohne Papiere.
Die wirtschaftliche Bedeutung der erbrachten Arbeitsleistung ist erheblich. Diese Migranten arbeiten, wo es dirty und dangerous ist.
Viele kommen aus höheren Bildungsschichten: Pharmakologen aus Marokko, Opernsängerinnen etc. sind unter ihnen. Wären diese Migranten nicht, gäbe es in vielen Villenhaushalten einen Notstand, weil diese dann keine illegalen Arbeitskräfte mehr hätten.
5000 illegal eingereiste Frauen aus Südamerika sind in Kölner Haushalten beschäftigt. Von ihnen will keine mehr in die Heimat zurück.
Folgen fehlender Krankenversicherung:
- verzögerte oder vermiedene Arztkontakte führen zu fortgeschrittenen Krankheitsstadien
- Lücken in der vorbeugenden Medizin (diese Menschen erhalten keine Schutzimpfungen. Was wäre, wenn wir auf einmal wieder die Diphterie bekämen? Bei medizinischer Nichtversorgung von Migranten besteht die Gefahr, dass Krankheiten wieder präsent werden können, die wir schon lange vergessen glaubten.
- erhöhte Kosten für die Allgemeinheit. Behandlungen, die erst im Endstadium aufgenommen werden, sind teuer. Was man in einem frühen Erkrankungsstadium mit einer Antibiotika-Behandlung von 400 Ђ hätte behandeln können, kann bei einem entwickelten Geschwür etc. 9000 Euro oder mehr kosten.
In den USA leben 50 Millionen Menschen ohne Versicherung. Auch in den USA müssen akut Kranke behandelt werden. Die Kosten für die Allgemeinheit sind dadurch horrend und viel teurer als wenn man für alle zwingend eine Krankenversicherung einrichten würde.
Qualität der ärztlichen Versorgung in der Migrantenmedizin
- Beschränkung auf akute medizinische Situationen und Notfälle, chronisch Kranke dürfen aus juristischen Gründen nicht behandelt werden.
- Anbindung der Einrichtung an ein Krankenhaus
- Die MMM verfügt über ein Netzwerk von 50 Ärzten, an die man Patienten schicken kann.
Die Bereitschaft der Ärzte zur Mitwirkung ist viel größer als man bei der Planung angenommen hatte.
- Kooperation mit sozialen und karitativen Einrichtungen. Im Rahmen dieser Zusammenarbeit lassen sich mitunter Duldungen erwirken und so nicht nur die medi¬zinischen, sondern auch die sozialen Probleme angehen.
- Leitung durch einen Arzt mit langer klinischer Erfahrung.
- 12000 Patienten wurden bundesweit von MMM behandelt
- Die Arbeit wird ausschließlich über Spenden finanziert.
Das Angebot der MMM:
- Beratung und Behandlung sind kostenlos
- Garantierte Anonymität, Ausnahmen: meldepflichtige Infektionskrankheiten
- Erwirkung einer Duldung bei lebensbedrohlicher Erkrankung.
Fünf Monate nach der Schwangerschaft bzw. nach erfolgreicher Behandlung einer lebensgefährlichen Erkrankung erlischt die Duldung jedoch wieder.
Zielgruppen
- Deutsche ohne Krankenversicherung
- Menschen ohne gültigen Aufenthaltsstatus
- Migranten in der EU (dies betrifft fast ausschließlich Migranten aus den osteuropäischen Staaten der EU, wie Rumänen, Sinti und Roma, Personen, die auch in den Herkunftsländern
einen sozial niedrigen Status haben und dort auch nicht versichert sind
- Besucher mit gültigem Einreisevisum (viele Deutsche mit Migrationshintergrund laden ihre Verwandten
ein, und einige von diesen bleiben hier. Wer sein Visum überzieht, ist illegal hier. Doch häufig sind Familienstrukturen stärker als Visavorschriften. Und da es sich hierbei in erster Linie um ältere Menschen handelt, sind die Erkrankungen auch schwerer. Juristisch sind die einladenden Verwandten in der Haftungspflicht.
Erfahrungen von MMM Köln seit 2005
- steigende Patientenzahlen, 500 pro Jahr
- Altersdurchschnitt 20 bis 40 Jahre
- Anteil schwer Kranker höher als in einer normalen Praxis
- 20 Patienten pro Jahr müssen ins Krankenhaus
- 25 Prozent sind Deutsche ohne Krankenversicherung
- Bei 75 Prozent der Patienten sind Untersuchung, Beratung und Behandlung in der Einrichtung ausreichend.
- Wichtig ist, dass man mit der MMM eine Organisation geschaffen hat, die dem Arztbesuch vorgeschaltet ist. Dadurch gibt es eine Instanz, die die Patienten
zielgerichtet zu Ärzten überweist.
Dadurch wenden sich Betroffene weniger häufig direkt an Arztpraxen oder Krankenhäuser
- steigende Anzahl der kooperierenden Ärzte
- sehr positive Medienresonanz
- Anstieg des Spendenaufkommens
- Unterstützung durch die Kirche: viele katholische Bischöfe sind Schirmherren.
- Man hatte von Anfang an gute Kontakte zu den Behörden, zu Ausländerbehörden, Polizei.
Wie geht es weiter?
- weniger Deutsche nach Einführung der Pflichtversicherung?
- Mehr Menschen in der Illegalität
- Zunahme von Arbeitsmigranten innerhalb der EU
- Verzicht auf Übermittlungspflicht muss sein.
- Kostenerstattung bei Notfallbehandlung nicht Versicherter durch Angleichung der Gesetze innerhalb der EU! (es müssten Regelungen gefunden werden, die die behandelnden Krankenhäuser und Ärzte etwas entlasten)
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