• BERNHARD CLASEN • |
6.3.2008: Wolgograd: Wieder Roma ermordet
Dies berichtet die Leiterin der Wolgograder Nichtregierungsorganisation „Kongreß der Roma-Frauen – Dschuvlikano romano kongreso“, Elena Konstantinova, in einem Gespräch mit dem Internetportal „Kavkaskij Uzel“, das von der russischen Menschenrechtsorganisation „Memorial“ betrieben wird.
Potapow war am Tag vor dem Mord beim Gang in ein Lebensmittelgeschäft von zwei Russen zum gemeinsamen Wodkatrinken aufgefordert worden. Als diese von ihm anschließend Geld verlangten, weigerte er sich. Am späten Abend tauchten die beiden in der Wohnung des Roma auf, forderten erneut Geld. Doch Potapow, Vater von vier Kindern, weigerte sich auch dieses Mal. Darauf erschossen sie die anderthalbjährige Tochter Potapows, verletzten dann den Vater mit mehreren Messerstichen und erschossen ihn anschließend. Die Täter sind inzwischen in Untersuchungshaft.
Dieser Mord ist lediglich ein neuer Höhepunkt von Gewalt gegen Romas im Raum Wolgograd. Rassistisch motivierte Diskriminierungen der russischen Roma in Wolgograd und Umgebung haben sich seit Jahresanfang verschärft, so Elena Konstantinova. Roma würden häufig von der Miliz willkürlich abgeführt und mehrere Stunden auf der Milizstation fest¬gehalten, wo man ihnen die Fingerabdrücke abnehme und sie photographierte, so Frau Konstantinova.
Der Mord vom 26. Februar 2008 ist nicht der erste derartige Vorfall. Bereits am 12. April 2006 hatten zwanzig jugendliche Skinheads, mit Stangen und Steinen bewaffnet, eine kleine Gruppe Romas überfallen, die in der Nähe der Stadt Wolschsk im Gebiet Wolgograd in einem Wald schliefen. Unter diesen befand sich auch eine obdachlose Russin. Dabei waren ein älterer Roma und die Russin ermordet worden, weitere Roma wurden verletzt, eine 80-jährige und ein 13-jähriges Mädchen schwer. Derzeit wird gegen die Täter verhandelt. Sie werden des Mordes aus rassistischen Motiven angeklagt. Fast alle Täter kommen aus einer Schule von Wolschsk.
Über den Verlauf des Prozesses kann die Roma-Vertreterin nur wenig berichten. „Das Gericht informiert die Opfer dieses Überfalls und dessen Anwälte nicht über den Stand des Ver¬fahrens. Wir wissen nicht einmal, wann der nächste Verhandlungstag sein wird. Regelmäßig versuchen wir telefonisch beim Gericht in Erfahrung zu bringen, wie und wann es nun weitergehen wird. Offensichtlich scheint man beim Gericht an der Anwesenheit der Opfer und ihrer Angehörigen kein Interesse zu haben“ beklagt sich die Roma-Vertreterin.
Vor dem Hintergrund zunehmender Diskriminierungen hatte 2004 eine größere Gruppe von ca. hundert Roma das Gebiet Wolgograd verlassen und sich im Norden Russlands, in der Nähe von Archangelsk, angesiedelt. Dort erwarben die Roma Land, wurden in der Landwirtschaft tätig, begannen mit dem Bau von Häusern. Zunächst lief die Zusammenarbeit mit den Behörden weitgehend reibungslos. Doch im März 2005 wurde Alexander Donskoj Bürgermeister von Archangelsk. Und er machte sein Wahlkampfversprechen wahr, die Roma aus Archangelsk zu vertreiben. Diese seien eine „verbrecherische Nation“, handelten mit Drogen und würden Kinder entführen. Zunächst konnte eine Vertreibung der Roma von Menschenrechtsorganisationen verhindert werden. Doch im Sommer 2006 mussten die Roma die Stadt verlassen, akzeptierten eine Entschädigung von 300.000 Rubel (knapp 10.000 Euro) und wurden unter Begleitung der Miliz mit einem Zug nach Moskau gebracht.
Offiziellen Angaben zufolge leben in Russland 182 Tausend Roma. Roma-Expertin Stefania Kulaewa vom St. Petersburger „Anti-Diskriminierungszentrum Memorial“ geht jedoch davon aus, dass es weit über 300 Tausend, möglicherweise gar 500.000, sind. Bedingt durch ihren wirtschaftlichen Niedergang und die fehlende Bereitschaft der Behörden, Integration zu fördern, verschlechtere sich ihre Lage zusehends.
Roma-Kinder würden häufig keine Schule besuchen. Selbst zum Essen fehle den Eltern oft das Geld, so Stefania Kulaewa in einem Gespräch mit dem „Kavkaskij Uzel“. Da sei vielerorts an Schulbücher nicht zu denken. Und schlechte Russischkenntnisse vieler Romas erschwerten den Schulbesuch zusätzlich. Tausende von Romas seien noch im Besitz ihrer alten sowjetischen Pässe. Vielerorts weigerten sich die Beamten, ihnen neue russische Pässe auszustellen.
Dass Romas gerne in Stadtnähe siedeln, wurde ihnen mancherorts zum Verhängnis, sind doch diese Gebiete als Baugebiet für kleine Datschas sehr begehrt. In der Folge würden Roma immer wieder zum Verlassen dieser Gebiete aufgefordert.
Angesichts der zunehmenden Gewalt und der Untätigkeit der Behörden ruft Elena Konstantinova russische Romas und Menschenrechtler auf, die Gewalt gegen die Roma im Gebiet Wolgograd zu thematisieren und sich mit den Romas dieses Gebietes zu solidarisieren.
Zurück
• BERNHARD CLASEN •
Für Frieden, Menschenrechte, Soziale Gerechtigkeit und Ökologie
Bernhard Clasen © 2001 - 2007
Design: Zaira Aminova