Bernhard Clasen

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Aktuelles

Putin zum Großen Terror
und Kommentar von Arsenij Roginski,
Vorsitzender von Memorial International

Übersetzung von Jens Siegert, Moskau



Arsenij Roginski Wladimir Putin besuchte am 30. Oktober 2007, dem offiziellen „Gedenktag an die Opfer politischer Verfolgung“, den Erschießungsplatz Butowo südlich von Moskau. Hier wurden von 1935 bis 1950 Menschen vom NKWD erschossen und verscharrt, allein zwischen August 1937 und Oktober 1938 während des „Großen Terrors“ mehr als 20.000. Nach 1950 blieb der Erschießungsplatz in der Verfügung des NKWD und seiner Nachfolgeorganisationen MGB, KGB, FSK und FSB. Mitte der 1990er Jahre wurde das Gelände auf Anordnung von Präsident Boris Jelzin der Russisch-Orthodoxen Kirche übergeben und in eine Gedenkstätte umgewandelt. Nach einer kurzen Gedenkveranstaltung und einem Gedenkgottesdienst gemeinsam mit dem russisch-orthodoxen Patriarchen Alexeij II". sagte Putin:

„Wir haben uns hier wirklich versammelt, um der Opfer der politischen Verfolgungen in den 30er bis 50er Jahren des vorigen Jahrhunderts zu gedenken. Aber wir wissen alle sehr gut, dass das 1937 als der Höhepunkt der Verfolgungen gilt, aber es (das Jahr 1937) wurde gut durch die vorhergehenden Jahre der Grausamkeit vorbereitet. Es reicht aus, sich an die Erschießungen von Geiseln während des Bürgerkriegs zu erinnern, an die Vernichtung ganzer Bevölkerungsschichten, der Geistlichkeit, der Entkulakisierung der Bauernschaft, der Vernichtung der Kosaken. Solche Tragödien haben sich in der Menschheitsgeschichte mehrfach wiederholt. Und das geschah immer dann, wenn auf den ersten Blick attraktive, nach Prüfung aber leere Ideale höher als die Grundwerte gestellt wurden – höher als der Wert des menschlichen Lebens, höher als die Rechte und die Freiheiten des Menschen. Für unser Land ist das eine besondere Tragödie- Weil es in solch einem riesigen Maßstab geschah. Denn es wurden Hunderttausende, Millionen von Menschen vernichtet, ins Lager geschickt, erschossen und zu Tode gemartert. Und das waren zumeist Menschen mit ihrer eigenen Meinung. Leute, die sich nicht fürchteten, sie auszusprechen. Das waren die effektivsten Menschen. Das war das Licht der Nation. Und wir bemerken seit vielen Jahren, bis heute diese Tragödie an uns. Man muss viel dafür tun, damit das niemals vergessen wird. Dafür, dass wir uns immer an diese Tragödie erinnern. Aber dieses Gedächtnis brauchen wir nicht um seiner selbst willen. Diese Gedächtnis brauchen wir, damit wir verstehen: Für die Entwicklung des Landes, für die Wahl des effektivsten Wegs zur Lösung der Probleme vor denen das Land heute steht und vor denen es in der Zukunft stehen wird, braucht es politischen Streit und politische Schlachten, braucht es den Kampf der Meinungen; aber damit dieser Prozess nicht zerstörerisch sondern aufbauend wird, dürfen dieser Streit, dieser politische Kampf nicht außerhalb des Rahmen des kulturellen und des Bildungsraums stattfinden. Und beim Erhalt des Gedächtnisses über die Tragödien der Vergangenheit müssen wir uns auf alles Beste stützen, das es in unserem Volk gibt. Und wir müssen alle unsere Anstrengungen für die Entwicklung des Landes vereinigen. Wir haben alles dafür Notwendige.“

Übersetzt von Jens Siegert, 3.11.07, nach der auf der Website des russischen Präsidenten www.kremlin.ru veröffentlichten Mitschrift.

Nach seiner kurzen Ansprache ging Putin zu einer Stellwand mit Photographien von in Butowo Erschossenen. Vor der Stellwand stehend bemerkte er noch, murmelnd eher zu sich selbst als an jemanden der Umstehenden gewandt: „Es ist zum Verrücktwerden. Das ist alles unglaublich. Warum?“

Arsenij Roginskij, Vorstandsvorsitzender von Memorial International, kommentierte Putins Besuch in Butowo und seine kurze Ansprache wie folgt: „Das ist ein zeichensetzendes Ereignis. Erstmals hat ein Staatsoberhaupt den „Erschießungsplatz Butowo“ besucht, einen Ort, an dem in den Jahren des Stalinterrors vom August 1937 bis zum Oktober 1938 20.700 Opfer politischer Verfolgung erschossen wurden. Was auch immer der Anlass für diesen Besuch war - ein Versuch, auf die Stimmung in der Gesellschaft im Jahre 70 nach dem Beginn des Großen Terrors, der aufrichtige Wunsch, für die unschuldig Umgekommenen zu beten oder irgendwelche politischen Erwägungen – es handelt sich in jedem Fall um ein zeichensetzendes und positives Ereignis. Wir rechnen damit, dass die Beamten in den Regionen im Besuch des russischen Präsidenten auf dem Erschießungsplatz Butowo ein zeichen der Aufmerksamkeit gegenüber dem Thema des politischen Terrors in der Sowjetunion sehen. Und wir hoffen, dass sich die regionalen Beamten zukünftig energischer in Zusammenarbeit mit gesellschaftlichen Organisationen um das Gedächtnis an die Opfer politischer Verfolgung kümmern werden.

Wir erwarten von der Führung des Landes, dass sie staatliche Stellen, darunter besonders das Innenministerium und den Inlandsgeheimdienst FSB anweist, damit alles Mögliche dafür getan wird, weitere Orte von Massenerschießungen im Land ausfindig zu machen. Solche Butowos gibt es in Russland bedauerlicherweise sehr viele. Wir warten zudem auf Gesetzesinitiativen zur Verbesserung der Lage von noch lebenden Opfern politischer Verfolgung, deren soziale Versorgung sich durch das sogenannte Monetarisierungsgesetz erheblich verschlechtert hat. Außerdem muss endlich damit begonnen werden, ein staatliches Museum zur Erinnerung an die Opfer politischer Verfolgung einzurichten. Das Thema muss zudem Einzug in die Lehrpläne der Schulen halten.“



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